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Home · CLASSIC JOURNAL · Szene Allgemein · Szene Allgemein · Hamburger Stadtpark-Revival 2008
Hamburger Stadtpark-Revival 2008 PDF Drucken E-Mail
Sonntag, den 12. April 2009 um 09:58 Uhr
Stadtpark ohne Stoppuhr

hh-a46Beim Hamburger Stadtpark-Revival am 6. und 7. September 2008 strahlten die Sonne, 300 Oldtimerfahrer und tausende Zuschauer um die Wette. Ex-Formel-1-Rennfahrer Hans-Joachim Stuck und der Sandbahnweltmeister Egon Müller vertraten die Prominenz. Unser Autor fuhr zum ersten Mal selbst – mit Stift und Notizblock zwischen den Zähnen, aber ohne Stoppuhr.

Die Besucher der Siegerehrung am Sonntagabend mussten ohne uns auskommen: Nur zum vorletzten Platz in unserer Fahrzeugklasse hat es für meinen Morris Minor und mich gereicht.
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Anders als in den Gruppen der GT-, Renn- und Sportwagen, der Youngtimer und der Rennmotorräder ging es bei den Automobilen bis Baujahr 1959 eher gemütlich zu. Die besser Motorisierten ließen es mitunter richtig krachen und quietschen –  immerhin meist im disziplinierten Rahmen dieses Jahr. Mein Morris wurde 1957 gebaut, hat 37 PS und hört auf den Namen Milly. Für unsere Wertung fuhren wir vier Gleichmäßigkeitsläufe an zwei Tagen. Wer es schaffte, seine Rundenzeiten am besten einer vorgegebenen Durchschnittsgeschwindigkeit anzupassen, hatte gewonnen. Das kann man ernst nehmen, dazu seine Beifahrerin mit Stoppuhr und Taschenrechner ausstatten und dann mehr auf den Tacho als auf die Strecke gucken. Oder man kann die Veranstaltung als ein Schaulaufen begreifen. Ich habe gar keine Stoppuhr.
Für den Kurs des Hamburger Stadtpark-Revivals sperren die Veranstalter jedes Jahr rund 1,7 Kilometer öffentliche Straßen ab. Die zwei Fahrspuren der Saarlandstraße Richtung Norden bilden die Start- und Zielgerade mit der längsten Geradeausstrecke, unterbrochen von einer seit diesem Jahr entschärften Schikane. Nach der Spitzkehre am Jahnring geht es zwei Drittel der Strecke zurück, dann rechts ab in den Südring und zweimal scharf nach links über die Stadthallenbrücke und wieder durch Start und Ziel. Beim ersten Original-Stadtparkrennen 1934 ging es noch über sechs Kilometer durchs Hamburger Grün, damals starteten allerdings ausschließlich Motorräder. Autos standen erst ab 1938 mit auf dem Programm. Während des Krieges schwiegen die Motoren, erst 1947 begann wieder Rennbetrieb auf der nun etwa vier Kilometer langen Strecke. 1949 gewann Petermax Müller mit seinem VW-Eigenbau-Rennwagen. Dieses Auto ließen die Betreiber des Museums Prototyp auch diesmal wieder um die Fahrstrecke flitzen.
Für Milly und mich begann das Rennwochenende am Freitagabend. Ab 20 Uhr sollten wir zur Fahrzeugabnahme erscheinen und anschließend unseren Platz im Fahrerlager besetzen. Der Prüfer warf einen kurzen Blick in den Kofferraum und unter die Motorhaube, freute sich über die schöne Originalhupe und winkte uns weiter. Mit den Startunterlagen in der Tasche tuckerten das Auto und ich durch den Hamburger Nieselregen zu unserer Box im Parc Fermé – um dort eine Stunde auf den verspäteten Aufbau unseres Ausstellungszeltes zu warten. Am Samstagmorgen um halb zehn die erste Fahrerbesprechung meines Lebens: Der Rennleiter wandte sich zuerst an die Teilnehmer der Gleichmäßigkeitsprüfungen, die „Postkutschen“. Wir erfuhren unsere anzustrebenden Durchschnittsgeschwindigkeiten und bekamen einen Einführungskurs in Flaggenkunde. Das erste Rennen des Tages für unsere Klasse sollte um kurz vor elf beginnen, der Boxenfunk rief uns aber erst eine Stunde später auf das Vorstart-Gelände. Dort verbrachten meine Frau und ich einigermaßen aufgeregt eine weitere halbe Stunde Verzögerung zwischen zwanzig anderen Oldtimern mit zunehmend genervten Fahrerteams. Endlich fiel die Flagge für die Einführungsrunde: Wir reihten uns gesittet ein, ließen erstmal die Porsches vorbeiziehen und fühlten nach dem Grip auf dem wechselnd feuchten und trockenen Asphalt. Ich versuchte, mir eine Ideallinie einzuprägen, probierte Bremspunkte vor den Kurven und merke an der Spitzkehre, warum Rennautos kleine Lenkräder haben. Ab Runde Zwei durfte Milly losbrausen. Mehr als 60 Miles per hour, das sind knapp 100 Kilometer pro Stunde, mutete ich ihrem alten Motörchen nicht zu. Viel mehr wäre auch nicht gegangen. Das reichte, um den himmelblauen Austin Seven locker hinter uns zu lassen und für den Ford A von 1928. Die Fahrer der beiden BMWs aus den Dreißigern winkten uns wohl eher aus Höflichkeit mal vorbei, aber es sollte ja auf Durchschnitts- statt auf Höchstgeschwindigkeit ankommen. Selbst die hatten wir vom Anfang an abgeschrieben.

Nach dem Rennen wurde es Zeit, das Gelände neben der Strecke zu erkunden. Das Publikum fand gute Sicht an jedem Punkt außen neben der Fahrbahn. Ins Infield gelangten die Alteisenjunkies erstmals über eine extra aufgebaute Brücke. An die besten Fotopunkte kamen nur die Kameraträger mit Presseweste, aber die meisten Privatknipser dürften auch so einige brauchbare Bilder in den Kasten bekommen haben. In einer Sackgasse, die an die Streckenführung grenzt, hatten die Veranstalter einen Oldtimerparkplatz eingerichtet. Auf beiden Seiten der 200 Meter standen dicht an dicht Klassiker vom Alfa bis zur Zündapp, nicht wenige mit Zu-verkaufen-Schild an der Scheibe. Im Fahrerlager und rund um die Strecke verkauften Händler Schnickschnack und Regalia für die Fans fast jedes Fabrikats, Oldtimerteile sowie natürlich Bratwürste und Bier. Die Lager der Autos und der Motorräder waren wie immer dem Publikum frei zugänglich, hier kam man den Schätzen ganz nah und die Fahrer stellten sich gern allen Fragen und Kommentaren.

hh-zeltVor dem zweiten Rennen musste meine Frau mit unserem kleinen Sohn leider das Feld räumen. Die achtjährige Tochter war für das Reglement als Beifahrerin zu jung. Eine Praktikantin aus dem Pressezelt nahm mit leicht erhöhtem Puls, aber ohne Stoppuhr neben mir Platz. Mit der obligatorischen Stunde Verspätung senkte sich die Flagge. In der ersten Runde nahmen wir die Straße noch halbwegs vorsichtig unter die kühlen Reifen, dann wollte ich mal sehen, wie spät ich bremsen und wie früh ich Gas geben kann. Vier Trommelbremsen verzögern eher allmählich und 37 Pferde ziehen Millys 800 Kilogramm recht gemächlich aus den Kurven, aber trotzdem: Mich übermannte das Kribbeln, das mich schon nach der Kartbahn süchtig gemacht hat. Milly rannte durch die kurzen Abschnitte und schlug trotz Heckantrieb mit Frontmotor keine Haken. Wir fanden einen halbwegs geschmeidigen Rhythmus und erst in der Auslaufrunde bemerkte ich die jubelnden und winkenden Zuschauer und Streckenposten. Ich glaube, wir waren gemeint. In der Einfahrt zur Boxengasse würgte der Fahrer der Corvette vor uns seinen Motor ab. Als er nach fünf Versuchen wieder ansprang, ließ er die Maschine mehrmals aufheulen und erzeugte einen imposanten Radau damit. Das konnte Milly auch – jedenfalls hatten wir mehr Lacher nach unserem angetäuschten Minor-Burnout.

hh-tr4Fast 130 Autos und mehr als 180 Motorräder waren gemeldet. Als Gäste hatten die Veranstalter prominente Piloten geladen: Für die Zweiradsparte gab Egon Müller den Publikumsmagneten. Der inzwischen 59-jährige Speedway- und Sandbahnweltmeister aus Kiel moderierte nicht nur zwischendurch immer mal wieder die Veranstaltung, er brachte auch selbst sein Motorrad auf den ungewohnten Asphalt. Eigentlich keine Strecke für ihn und seine Maschine – aber selbst, wo er wegen der unpassenden Reifen nicht alles geben konnte, blieb seine Show beeindruckend. Bei Hans-Joachim Stuck passte alles und das wusste er zu zeigen. Seinen Allrad-Audi 90 Quattro Imsa GTO prügelte er in mehreren Schauläufen mit unglaublichem Tempo über die Piste. Die Technik dieses Wagens und das Können seines Fahrers brachten die 700 PS so verlustfrei auf die Straße, dass die Querdrifts in den Kurven wie in die Ideallinie gemalt daherkamen. „Ich fahre das Auto nach 1989 zum ersten Mal wieder und es fühlt sich an, als sei es gestern gewesen“, schwärmt Stuck. Natürlich konnte er den Renner, der 300 und mehr Kilometer pro Stunde gewohnt ist, auf der kurzen Strecke nicht voll ausfahren, „aber in den Kurven kann ich zeigen, dass dieses Auto seiner Zeit um Jahre voraus war“, begeistert sich der Profi. Ob nicht die hier angetretene AC Cobra mit der gleichen PS-Zahl ebenso schnell sein könne, frage ich ihn: „Keine Chance. Die Kraft kann sie nie so umsetzen. Darum war ich damals in den USA gegen vergleichbare Autos so erfolgreich.“ Stuck freut sich über die „vorletzte Freiheit“, die Oldiefahrer auf dem Stadtpark-Revival haben: „Für Profirennen reicht's nicht, aber anders als auf der Autobahn kann man hier richtig Spaß haben.“ Für Spaß war auch die Driver's Night der Veranstalter am Samstagabend gedacht. Im Partyzelt sollte nach dem Buffet die Post abgehen. Als Familienvater konnte ich nicht selbst dabei sein. Wohl fehlte die Musik, sagten mir enttäuschte Fahrer. Herr Stuck floh in ein nobles Restaurant an der Elbe. Nach dem Unterschied von Rennparties damals zu heute gefragt, zitiert er seinen Kollegen Jackie Stewart: „Racing was dangerous and sex was safe, heute ist es umgekehrt.“

Einige schienen immerhin die Party genossen zu haben, denn zur Pflichtveranstaltung Fahrerbesprechung am Sonntag um halb zehn erschien nur etwa die Hälfte der Fahrer. Wer da war, musste sich belehren lassen über obligatorische Matten unter leckenden Motoren und fehlendem Respekt vor gelben Flaggen. Trotz der Rüffel durften alle starten. Milly und ich fühlten uns allmählich routiniert und liehen uns noch einmal eine Praktikantin ohne Uhr als Beifahrerin aus. Erst zum letzten Rennen war meine Frau wieder mit am Start. Sie bremste zwar mal mit, wenn Milly vor der Spitzkehre einfach nicht langsamer werden wollte, hatte aber meist die Augen eher neben als auf der Strecke: „Guck mal, wie der immer winkt, der mag unser Auto!“, zeigte sie mir einen besonders lebhaften Fan. In der Auslaufrunde bekam der einen Extraschlenker und einen Gruß mit der Hupe. Erst da fühlte ich die Straße wie eine Bühne: In diesen viermal fünfzehn Minuten waren wir berühmt, Teil der Show und ein Hingucker für 20.000 Begeisterte. Das wohlige Drücken im Bauch und die wackeligen Beine nach den Rennen schienen Symptome eines nachträglichen Lampenfiebers zu sein. Aufs Siegertreppchen stelle ich mich vielleicht ein andermal.


Text: Frank Tiedemann
Fotos: Matthias Tegeler

Zuletzt aktualisiert am Montag, den 13. April 2009 um 04:59 Uhr
 

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